Come in. Please! (arbeiten-corona-wohnen) [2020]

40 Pigment-Prints auf archivfestem Papier, jeweils 48,3 x 32,9 cm

 

Am 9. Februar 1984 habe ich den Mietvertrag für die Wohnung unterzeichnet, in der ich heute immer noch arbeite und lebe. Dem waren fast zwei Jahre intensiver Suche vorangegangen.

An der zugehörigen Adresse „offiziell“ angemeldet habe ich mich dann am 19. April. Die Wochen dazwischen sind damit vergangen, alte Holzböden von ihren Teppich- oder Kunststoffbelägen zu befreien und Decken und Wände mit weißer Leimfarbe zu übermalen. Eine Freundin und ein Freund haben mir dabei geholfen. Ein paar Möbel mussten angeschafft, zwei alte Holzöfen durch solche mit Ölfeuerung ersetzt werden, für die war noch ein kleiner Öltank nötig. Mein bisschen Geld war schnell verbraucht. Eine Zentralheizung habe ich erst 15 Jahre später einbauen lassen.

Eine der vier Doppeltüren war 1920 zugemauert worden, um aus einer grossen zwei kleinere Wohnungen zu machen. Diese Mauer habe ich entfernt, Spuren von ihr sind noch heute sichtbar. Wo heute ein kleines Gästezimmer liegt, war viele Jahre meine Dunkelkammer. Mit einem „Durst Laborator 138”, an einer Wand fest verankert und weiteren Gerätschaften über den Raum verteilt.

Zuletzt habe ich im vergangenen Frühjahr einen alten Gasherd der Generation „60 plus“ erneuert und einen Geschirrspüler eingebaut – die für mich wichtigste „Maßnahme“ zum Überleben der Quarantäne (von der ich 2019 selbstverständlich noch keine Ahnung hatte).

36 Jahre, fast mein ganzes Arbeitsleben lang, habe ich überwiegend an der selben Adresse nicht nur gewohnt sondern auch gearbeitet – „home office“ avant la lettre sozusagen – und: nur wenig Unterschied vom Wohnen zum Gewohnten.

Die Umstellung auf das so plötzlich und so stark eingeschränkte öffentliche und soziale Leben war ungleich schwieriger. Die im Titel dieser Fotodokumentation ausgesprochene Bitte, doch herein zu kommen, musste zu lange unerfüllt bleiben.

Bei der Übersetzung meiner Wohn- und Arbeitsräume in den Bildraum dieser Fotodokumentation habe ich mich den Konventionen und den technischen Möglichkeiten des Mediums fast blind anvertraut, anders als sonst. Aus dem Wunsch heraus einen Erinnerungsspeicher zu schaffen mit möglichst viel Raum für Ikonisches und Indexikalisches und nur wenig für persönliche Symbolik ?

Die Adresse der Wohnung ist auf der Rückseite eines jeden der 40 Pigment-Prints mit Bleistift vermerkt, wie auch – als Legende auf der Vorderseite – das jeweilige Datum, akribisch und auf die Minute genau, beginnend mit dem 17.02.2020, 11:41 ff. Gemäß dem Satz „das einzig Wahre an einer Fotografie ist Ort und Zeitpunkt ihrer Aufnahme“.

16.04.2020
10:19 ff